Funchal, Stadt des Weines

Man kann sagen, dass die Stadt des Zuckers durch die Stadt des Weines abgelöst wurde, denn das fast ausschliesslich in Monokultur angebaute Zuckerrohr musste in vielen Teilen der Insel dem vorteilhafteren Weinanbau weichen. Als 1455 der venezianische Seefahrer Luís Cadamosto nach Madeira kam, erwähnte er (neben der Produktion von Zucker, Weizen und Holz) schon die überaus guten Weine, besonders den aus Chania auf Kreta stammenden Malvasier (Malmsey), von dem beachtliche Mengen ausgeführt wurden. Auch Zypern wird als ursprüngliche Heimat des Malvasiers genannt, aber wie dem auch sei, erst der besondere Boden und das Klima Madeiras haben diesen Wein derart veredelt, dass die Inselweine einen so guten Ruf erlangten. Schon im Jahre 1478 wählte der Herzog von Clarence, Bruder König Edwards IV, den Tod durch Ertrinken in einem Fass Malvasier. Im 16. Jahrhundert liess der berühmte englische Dramaturg William Shakespeare in seinem Stück “Heinrich VI” Falstaff durch Poins schelten, weil jener dem Teufel seine Seele verkauft hatte, für ein Glas Madeira und eine kalte Kapaunskeule. Diese Anspielung zeigt die schon damals grosse Bewunderung für den Madeirawein.
Seinen grossen Aufschwung erfuhr der Weinanbau allerdings erst im 17. Jahrhundert, obwohl er schon vorher in die verschiedensten europäischen Länder exportiert worden war. Hier ist hervorzuheben, dass die Weine der besseren Qualität, ähnlich wie beim Zuckerrohr, im wesentlichen von der Südküste stammen.
Im Jahr 1646 wurden, vom Eigenverbrauch abgesehen, mehr als 12.000 Fässer Wein exportiert. Der reiche Handel zog nicht nur - wie schon während der Ära des Zuckers - Leute aus den verschiedensten Ländern an, sondern war auch der Grund dafür, dass die Seerouten verlegt wurden, um unterwegs Madeirawein zu laden.
Unter den Händlern der verschiedensten Nationen verstärkten die Engländer ihren Handel und dominierten über viele Jahre hinweg den Weinexport der Insel.
Der Madeirawein wurde, wie in vergangenen Jahren der Zucker, zur neuen Quelle des Reichtums der Insel und in viele Gebiete der neuen Welt ausgeführt, vor allem nach Barbados, Jamaica und Neuengland und auch in die verschiedensten Länder Europas.
Während des 18. Jahrhunderts lag die durchschnittliche jährliche Ausfuhr bei 20.000 Fässern Wein und erreichte während der napoleonischen Kriege seinen Höhepunkt. Zu dieser Zeit wurde ganz Europa mit Madeirawein beliefert, er gelangte sogar ins zaristische Russland.
Hier ist kurioserweise zu erwähnen, dass Napoleon auf seinem Weg ins Exil zur Insel St. Helena in Funchal ankerte und dort vom englischen Konsul persönlich mit ein paar Flaschen Madeirawein beschenkt wurde.
In der Blütezeit des Weinanbaus gab es neben dem so berühmten Malvasier noch andere Weine, die sich vorzüglich zum Aperitif oder Dessert eigneten, nämlich den Sercial, den Verdelho und den Boal.
Die sogenannten “sucalcos” oder “poios”, die Madeiras Berghänge in Terrassen unterteilen und uns einen Eindruck von der mühsamen Arbeitsweise vermitteln, legten den Grundstein für eine Vermehrung und Ausbreitung des Weinanbaus und als Folge davon auch des Getreideanbaus in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts.
Aber auch hier dezimierten Krankheiten in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Weinkulturen und setzten dem lebhaften Handel auf der Insel ein tragisches Ende, jedenfalls sofern es den Wein betrifft.
Nach dem Zusammenbruch der Wein-Ära Mitte des letzten Jahrhunderts folgte eine letzte Experimentierphase in der Landwirtschaft mit allerdings schwachen wirtschaftlichen Mitteln. Man baute andere, widerstandsfähigere Weinreben an, die -wenn auch von geringerer Qualität - heute auf der ganzen Insel verbreitet sind.
Madeira durchlief eine wirtschaftliche Krise, und die Zahl der Auswanderer nahm zu jener Zeit beträchtlich zu. Unter den zahlreichen landwirtschaftlichen Versuchen, dieser Krise zu begegnen, baute man erneut Zuckerrohr an. Das belebte den Aufschwung und führte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Verbeitung von wasser - und dampfbetriebenen Zuckermühlen auf der Insel. Diese maschinelle Entwicklung ging auf die Industrialisierung in England und in den Vereinigten Staaten von Amerika zurück.
Heute ist der Anbau von Zuckerrohr fast gänzlich verschwunden. Deshalb existieren nur noch wenige dieser Zuckermühlen, und die vorhandenen dienen ausschliesslich zur Herstellung von Sirup oder Zuckerrohr-Schnaps.
Der Kern der Altstadt Funchals, so wie er sich heute darstellt, zeugt von der Überlagerung der Zucker- durch die Weinmetropole, und dadurch wurde ein grosser Teil der ursprünglichen Substanz zerstört und durch Elemente des 19. Jahrhunderts ersetzt.
In der Ära des Weinanbaus wurden darüber hinaus Kirchen, Kapellen und andere für die Stadt wichtige Gebäude errichtet. Wir verweisen besonders auf die Kollegiumskirche, die Kirchen São Pedro und Santa Maria Maior, die Museen Arte Sacra und Quinta das Cruzes, den Palast São Pedro und das Rathaus; ebenso die Wohnhäuser wie das der Ornelas in der Rua do Bispo, und der Tomaszewskys in der Rua dos Ferreiros sowie das Haus des Konsuls in der Rua da Conceição und die Sakristei der Kathedrale da Sé in der Rua João Gago.
Die heute noch existierenden Festungen, wie der Palast São Lourenço, die Festungen São Filipe und Pico oder die Ilhéu da Pontinha, gehörten zur befestigten Altstadt. Der grösste Teil dieser Bauten wurde in jener Epoche errichtet oder verändert.