Madeira
Einleitung
Der Madeira-Archipel, der sich in der nördlichen Hälfte des Atlantischen Ozeans befindet, ist etwa 700 Kilometer von der afrikanischen Küste entfernt. Er liegt fast auf demselben Breitengrad wie Casablanca, befindet sich ganz in der Nähe der Meerenge von Gibraltar und ist ungefähr 1.000 Kilometer von Lissabon entfernt.
Der Madeira-Archipel setzt sich aus den Inseln Madeira (“Holz”), Porto Santo (“Heiliger Hafen”), Desertas (“Die Unbewohnten”) und den Selvagens (“Wildnis”) zusammen. Nur zwei der Inseln des Archipels, Madeira und Porto Santo, sind besiedelt. Die Insel Madeira erstreckt sich über eine Fläche von 741 km2 – 57 km Länge und 22 km Breite. Sie liegt in der nördlichen Hälfte des Atlantik, etwa 500 km entfernt vom afrikanischen Kontinent und 1000 km vom portugiesischen Festland – in eineinhalb Stunden Flug von Lissabon aus zu erreichen. Der Archipel zählt etwa 260.000 Einwohner, von denen nahezu die Hälfte in der Hauptstadt Funchal lebt. Benannt wurde er nach der wichtigsten Insel, Madeira, nicht nur wegen ihrer Grösse, sondern auch aufgrund der Besonderheiten, die diese Insel auszeichnen.
Die Hauptstadt des Archipels ist Funchal, benannt nach einer Pflanze namens “funcho” (Fenchel), die man damals zahlreich an den Hängen der Bucht vorfand. Die Hauptinsel Madeira ihrerseits erhielt ihren Namen aufgrund der dichten Bewaldung, die zur Zeit der Entdeckung die gesamte Insel bedeckte.
Der Reichtum an edlen Hölzern auf der Insel war so gross, dass schon der Export zum Beispiel nach Lissabon ausreichte, um die Struktur der Gebäude in der portugiesischen Hauptstadt zu beeinflussen und in die Höhe wachsen zu lassen. Die Hölzer wurden auch für kunstvolle Gebäude in ausländischen Städten benutzt. Nennenswert ist hier der bischöfliche Palast in der französischen Stadt Rouen.

Auf dieser Atlantikinsel, die den Makaronesen zugeordnet wird, fanden sich die schönsten endemischen, d.h. wildwachsend nur auf Madeira vorkommenden Hölzer im Überfluss, so z.B.: “til” (Stinklorbeer), “barbusano” (Kanarischer Lorbeer), “teixo” (Eibenart), “vinhático” (Madeira-Mahagoni) und die sogenannte “cedro da ilha” (Insel-Zeder, Madeira-Baumwacholder). Diese Hölzer hatten eine grundlegende Bedeutung sowohl für die örtlichen Behausungen als auch für die kunstvollen Deckenschreinereien hispano-arabischen Stils in Kirchen und Kapellen, die heute noch besichtigt werden können, sowie selbst für die Möbelherstellung auf der Insel. Noch heutzutage gibt es meisterlich angefertigte Möbelstücke aus dem besagten “til”, “vinhático” und “cedro da ilha”. Einige dieser Exemplare sind im Museum das Cruzes ausgestellt.
Die heimische Flora Madeiras, der "Laurazeenwald", ist ein wertvolles Erbe, da es sich um einen der seltensten Urwälder unserer Erde handelt.
Der Urwald geht auf das Tertiär zurück, zu dem er sich über weite Regionen Europas erstreckte. Sein Bestand wurde durch die letzte Eiszeit dermaßen dezimiert, dass er heute nur noch im geographischen Bereich Makaronesiens weiterbesteht, d.h., auf Madeira, den Azoren und den Kapverdischen Inseln.
Dank des ausserordentlich milden Klimas der Insel war es möglich, die heimische Flora mit Pflanzen und Bäumen aus den verschiedensten Teilen der Welt zu bereichern. So kann man hier oft den Seidenwollbaum (sumaúma) antreffen, der aus Südamerika stammt und im Winter mit wunderschönen Blumen bedeckt ist; oder den Weihnachtsstern (manhãs de Páscoa) mit seinen leuchtend roten Blättern, der seine Heimat in Südamerika hat, und viele andere Pflanzen aus Afrika oder Amerika, wie der Jakarandabaum (jacarandá), der im Frühjahr seine kräftig blauvioletten Blüten öffnet, der Stolz von Bolivien (tipuana) mit gelben Blüten und die Bougainvillea (buganvílea) in den unterschiedlichsten Farben oder die verschiedenen Arten von Begonien (begónia). Der ursprünglich aus China und Japan stammende Hibiskus (hibisco) ist hier im Überfluss und ebenfalls in allen Farben vorhanden.
Ebensogut passten sich die ursprünglich aus Brasilien stammenden, in vielerlei Arten anzutreffenden Orchideen an, und zwar so gut, dass ihre Ausfuhr während nahezu des ganzen Jahres einen wichtigen Exportfaktor darstellt. Während die Cypripedien (Frauenschuh) mitten im Winter blühen, knospen im Frühling unzählige verschiedene Arten der Familie der Cymbidien (Kahnblume), und die Anthurien (Flamingoblume) wiederum erblühen in den heissesten Sommermonaten. Und auch die exotische Paradiesvogel-Blume (Strelitzia reginae) darf nicht vergessen werden, denn sie hat sich so gut an das Inselklima gewöhnt, dass sie das ganze Jahr über blüht.
Aber ausser den Zierpflanzen bereichern auch fruchttragende Pflanzen und Bläume aus Europa und auch aus subtropischen Zonen die vielfältige Flora der Insel. Unter den exotischen Früchten, die von weit her kommen, sind besonders die Cherimoyas, Mangos, Papayas, Marakujas, Avokados, Guaven, Aracas und Pitangas hervorzuheben sowie auch die Banane, die heute in der regionalen Wirtschaft eine wichtige Stellung einnimmt. Eingeführt wurde sie auf Madeira schon in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, jedoch erlangte sie ihre jetzige Bedeutung erst in den letzten Jahrzehnten.